An diesem Sonntag beginnt, wie an jedem ersten Advent, ein neues Kirchenjahr. Es beginnt nicht mit der Vollendung, sondern in der Haltung des Erwartens, nicht mit der Vollendung, sondern als Fragment. Wir haben eine Verheißung als Erbe empfangen, aber was sollen wir mit ihr tun? Wir haben eine gewisse Erwartung in uns, aber worauf warten wir wirklich?
Das neue Jahr beginnt nicht mit der Vollendung. Es beginnt auch – mit Blick auf die liturgischen Texte – nicht kuschelig-friedlich, wie es uns Weihnachtsmärkte, Shopping-Center und der Mainstream unseres immer säkuläreren Landes weismachen wollen. Nicht umsonst sind die gottesdienstlichen Nuancen des Adventes gedeckt: Das Violett der vorösterlichen Bußzeit wird uns vier Wochen begegnen, das Gloria werden wir vermissen, wie auch den Blumenschmuck am Altar. Wenn alles schmückende Beiwerk verschwindet, dann werden wir auf Wesentliches zurückgeworfen.
Aber schauen wir auf die oben angedeuteten Fragen: Was sollen wir mit der uns gegebenen Verheißung tun? Ist das, was wir Jahr um Jahr im Advent begehen, ein heiliges Schauspiel? Eine heilige Lüge gar, die das Jahr nett durchstrukturiert? Ja, ist es überhaupt nötig, dass wir Jahr um Jahr auf die Geburt Christi warten, obwohl er doch vor mehr als 2000 Jahren – das genaue Datum sorgt nahezu für Prügeleien unter den exegetischen Fachwissenschaftlern – schon geboren wurde?
Stellen wir uns eine Begegnung zweier Menschen vor, die sich lange Zeit nicht gesehen haben. Früher oder später wird in ihrem Gespräch der Satz fallen: „Du hast Dich kaum verändert“. Dieser Satz ist -hoffentlich- gelogen. Wie furchtbar wäre es auch, wenn er wahr wäre. Dann ist zwar kein Scheitern geschehen, aber auch kein Wachstum! Es ist eine fundamentale Wahrheit der menschlichen Existenz, dass wir uns ändern, von Jahr zu Jahr. Und so ist es auch notwendig, bewusst innezuhalten und auf die Geburt Christi in uns, nicht wie wir sein könnten, nicht, wie wir waren, sondern so wie wir sind, mit all dem, was uns im vergangenen Jahr geformt hat, zu hoffen. Weihnachten macht nur dann Sinn, wenn ich mich der Möglichkeit öffne, dass der Logos in mir geboren wird, dass er für mich und in mir zur Realität wird, die mein fragmentarisches Dasein vollendet.
So ist dann der Advent, ist dann das Fest der Inkarnation, nicht frommes Schauspiel, nicht nur die Erinnerung an ein fernes Geschehen, sondern tiefste Wirklichkeit.
Worauf warten wir aber? Auf durch die Gegend fahrende Coca-Cola Trucks mit bunten Lichtern, auf eine nette Fassade der geheuchelten Freude? Ist denn das Wesentliche an dieser Zeit wirklich das Backen von Plätzchen und Aufhängen von Kugeln und Sternen? Wenn man sich anschaut, wie viel Zeit dies alles in Anspruch nimmt und wie viel Zeit wir im Advent auf unsere Beziehungen (sowohl zu Menschen als auch zu Gott) verwenden, könnte man versucht sein, diese Fragen mit einem ernüchternden „Ja“ zu beantworten. Und dennoch: Die wirklichen Sehnsüchte des Menschen sind weniger oberflächlich, scheinen noch durch die Masken hindurch: der Wunsch nach Angenommensein, nach einer friedlichen Welt, nach sicheren Haltepunkten im Leben. Um es in einen Begriff zu fassen: Die schreiende Sehnsucht nach wirklicher Liebe. So sehr wir sie auch übertünchen, sie bleibt der cantus firmus unseres Seins. Oft suchen wir die Erfüllung, die Vollendung dieser Sehnsucht, bei Menschen, und oft werden wir dort enttäuscht. Denn es ist der Tod jeder zwischenmenschlichen Beziehung, von ihr die Erfüllung der Liebessehnsucht zu erwarten: Sie kann es nur im Fragment. Nicht geliebt zu werden darf ob dieser Tatsache der Zweck sein, sondern den Anderen zu lieben. Denn Liebe können wir nicht fordern, sie wird immer ein freiwilliges Geschenk bleiben.
Und so sind wir in dieser Sehnsucht auf Gott zurückgeworfen: Er liebt uns so sehr, dass er uns seinen Sohn geschenkt hat, dass er selbst die Sehnsüchte des menschlichen Lebens durcherleben wollte. Nur in ihm wird unser Liebesbedürfnis gestillt werden, nur im ruhenden Betrachten seiner Liebe wird unser Herz zur Ruhe kommen können. Der Advent ist auch hier eine Zeit der Erwartung: Wir warten auf das kaum überbietbare Liebeszeichen Gottes, das im Christusereignis für uns geschehen ist. Nutzen wir doch den Advent, nicht um auf uns zu schauen, sondern um diese Liebe immer wieder anzuschauen, damit wir mit ihr vertraut werden und die Tragweite des Weihnachtsgeschehens - zumindest annährend - ermessen können.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen, die wir in dieses neue Kirchenjahr gehen, ein schauendes Herz, damit wir das Wesentliche sehen und ihm in unserem Leben Raum geben, und eine brennende Sehnsucht hin zu dem, der allein sie uns stillen kann.