Zur Zeit sitze ich am Fenster in der Bibliothek und genieße die Stunde Freizeit, die bis heute Abend gegen 21 Uhr wohl die letzte bleiben wird. Der Himmel ist ganz grau und nur einzelne Strahlen der Sonne dringen, vielleicht als milde Erinnerung an den Sommer, noch hervor. Das Laub versucht, gegen das Grau zu leuchten in seiner golden-bronzenen Colour, die bisweilen von flammendem Rot durchbrochen wird. Es gelingt kaum, doch bedecken die gefärbten Blätter der Toten friedliche Ruhe, deren Gräber ich von hier aus schauen kann. Ganz verwittert scheinen sie, und vereinzelt stehen weiße Rosen und Lilien auf ihnen, ein Zeichen der Verbindung mit Lebenden, die man so selten dort sieht.
Ein Grab ist frisch ausgehoben, die braune Erde bildet einen Schacht in eine ungenaue Zukunft, die wir hiesigen doch garnicht durchschauen können, von der wir nur eine Ahnung haben. In der hintersten Ecke steht eine alte, verkrümmte Frau und schaut auf das Grab, auf dem die schon verrotteten Kränze lustlos liegen. Wie lang wird sie bleiben, was geht in ihr vor?
Bedenke, Mensch, Staub bist Du und zum Staube kehrst Du zurück.
Verborgen hinter den Bäumen steht ein großer, steinerner Engel. Unverwandt schaut er auf das, was um ihn herum geschieht. Wie viele Beerdigungen er wohl schon gesehen hat? Wie viele Menschen vor ihm um die Gnade eines Gottes, den sie sonst belächeln, voll Verzweiflung gefleht haben. Man merkt ihm an, wie fremd und wie vertraut er doch ist, welche Spannung in ihm steht. Die Flügel, die als Hort der Sicherheit Hoffnung spenden, das Schwert, das ans Gericht erinnert... Seine Geschichte könnte gewiss Bücher füllen, die doch niemals geschrieben werden, die doch niemand lesen wollte...